Am 5. September 2012 von in Politik, Umwelt

Der inzwischen notorisch hohe Ölpreis ist nicht nur an der Tankstelle ein Problem. Das schwarze Gold durchtränkt seit Jahrzehnten jeden Lebensbereich der Menschen. Doch was passiert wenn es nicht mehr üppig sprudelt?

Der Stand der Dinge

Erdöl. Der Stoff aus dem die feuchten Träume der Industriegesellschaften gemacht sind. Wir lieben ihn. Wir brauchen ihn. Jeder Deutsche verbraucht im Schnitt 1.800 Liter im Jahr und damit wohl das doppelte von dem was er an Flüssigkeiten trinkt um seinen Durst zu stillen. Damit sind wir global gesehen immerhin auf Platz 7.

Ölverbrauch pro Kopf (dunklere Farben repräsentieren einen höheren Verbrauch) – Wikipedia / GRock / CC-BY-SA

Laut der Internationalen Energie Agentur (IEA) wird sich allein Europas Öl-Rechnung in dieses Jahr auf die Rekordsumme von 500 Milliarden US-Dollar belaufen. Von 2000 bis 2010 gaben die Europäer im Schnitt nur 182 Milliarden US-Dollar für Erdölimporte aus. Gerade in den von der Krise gebeutelten Länder Europas wird diese Entwicklung zu einer großen Belastung werden. Auch die Direktorin der IEA, Maria Van der Hoeven, sieht darin eine wachsende Gefahr für die reale Wirtschaft.

Prices at these levels are forcing households to either cut back on spending on other items or to increase their debt; they are also undermining the profitability of companies that are unable to pass on fully higher input costs.

50 Sklaven für jeden Deutschen

Ein Fass Erdöl ist ein perfekter Sklave: stets arbeitswillig, niemals hungrig, niemals müde und weltweit einsetzbar. Es ist der Schmierstoff der unseren kometenhaften wirtschaftlichen Aufstieg ermöglicht hat indem es uns erlaubt große Mengen an günstiger Energie für all das einzusetzen, was früher viel menschliche Arbeitszeit benötigten.

Eine kleine Rechnung um die Dimension klar zu machen: In jedem Liter Öl steckt das Äquivalent von 146 Stunden menschlicher Arbeit1. Das macht bei knapp 5 Litern pro Tag und Kopf in Deutschland  also insgesamt 719 Arbeitsstunden. Bei einer ausbeuterischen Wochenarbeitszeit von 100 Stunden entspricht das 50 Menschen die Tag für Tag schuften müssten um uns das Leben so bequem zu machen wie es heute ist. Anhand der Zahl sollte man gut erkennen können wie viel Wohlstand vom beliebten Kohlenstoffcocktail abhängt.

Im selben Szenario stehen übrigens jedem US-Amerikaner sogar 100 Sklaven zur Seite, einem Einwohner von Saudi-Arabien stolze 1502. Man muss es mal vorstellen: um die Arbeit die das Erdöl leistet durch die von Menschen zu ersetzen müssten sich alleine die USA 30 Milliarden (!) Sklaven zulegen!

Peak Oil

Inzwischen ist es wohl bei jedem angekommen dass die Ära des allgegenwärtigen, billigen Erdöls über kurz oder lang zu Ende gehen wird. Seit 30 Jahren wird über den „Peak Oil“, also der Zeitpunkt an dem die Ölfördermenge ihr Maximum erreicht hat, spekuliert. In letzter Zeit mehren sich wieder die Anzeichen dass wir zumindest kurz davor stehen.

Es gibt auch immer wieder Stimmen die Peak Oil zu einem Mythos erklären. Erst letzten hat der britische Autor George Monbiot einen vielbeachteten Artikel3 verfasst in dem er ausführt, dass es noch jede Menge unkonventioneller Ölreserven gibt um die Party am laufen zu halten. Aber: nur weil die unkonventionellen Reserven vorhanden sind heißt das nicht dass man sie auch tatsächlich fördern kann. Sicher, steigende Ölpreise machen die Förderung von Ölsanden oder Bohrungen in extremer Meerestiefe profitabel und man wird damit einen Teil der sinkenden Förderraten ausgleichen können. Aber die Förderung ist teuer und aufwendig, die Quellen sind zudem schnell ausgebeutet. Sie sind schlicht kein guter Ersatz für munter sprudelnden Ölfelder und verursachen auch noch gravierende ökologischen Folgekosten.4

Aber selbst wenn durch deren Förderung noch für viele Jahre genug Öl vorhanden sein um damit täglich zu duschen: das ist nicht zwangsläufig eine gute Nachricht für uns. Viele sehen Peak Oil als Gefahr für die industrielle Gesellschaft mit ihrer ölbasierten Wirtschaft, jeden Tag an dem er nicht eintritt bedeutet allerdings eine Gefahr für alles Lebendige auf den Planeten. Der Punkt an dem die Menschheit unabhängig von der endlichen Ressource „Öl“ wird verschiebt sich immer weiter nach hinten und das wird unabsehbare Folgen für das Ökosystem haben. Die Erdölproduktion wird in absehbarer Zeit sehr viel schmutziger werden und Umweltkatastrophen wie bei dem Untergang der Deep Water Horizon vor zwei Jahren werden mit jeder Tiefseebohrung wahrscheinlicher.

Doch was passiert wenn die Förderung nicht mehr zur Deckung des Bedarfs reicht? Zuerst steigen die Preise, was sicherlich erst einmal Anreize schaffen würde grüne Alternativen zu schaffen. Es ist allerdings blauäugig zu glauben, dass sich das Problem durch die Marktmechanismen dann schon von selbst löst. Die Erzeugerländer werden Ihre Kohlenwasserstoffe zuerst für den Eigenbedarf behalten und somit weniger exportieren. Das kann schnell zu einer Eigendynamik führen die Länder mit geringen Vorkommen an Öl und Gas (z. B. Deutschland) überproportional hart treffen wird. Am Ende wird es staatliche Rationierungen geben und die Abhängigkeiten von einzelnen Erzeugern wird deutlich zunehmen.

Möglicherweise wird damit der geordnete Umbau zu  einem nachhaltigen Wirtschaft beschleunigt (oder begonnen). Viel wahrscheinlicher sind allerdings politische Entscheidungen die darauf abzielen werden den Ölbedarf vom nächsten Tag zu stillen und nicht solche die den Lebensstandard senken, aber notwendig sind um das Problem dauerhaft zu lösen.

Öl auf dem Teller

Steigen die Erdölpreise, dann steigen auch die Preise für Nahrungsmittel. Das hängt zum damit zusammen dass die enormen Ertragssteigerungen der „grünen Revolution“ vor allem mit dem schwarzen Stoff erkauft wurden. Zum einen verschlingt die Herstellung von Düngemitteln große Mengen von Öl, zum anderen wollen die schweren Landmaschinen versorgt werden. Dann müssen die Waren natürlich auch noch abtransportiert werden und selbst für die Bewässerung der Felder wird es benötigt.

Von 1945 bis 1994 hat sich der Verbrauch in der Landwirtschaft vervierfacht während die Erträge um das dreifache gestiegen sind. Man muss sich nur einmal vor Augen halten dass für jede in den USA hergestellte Nahrungsmittel-Kalorie ganze 90 in Form von fossilen Brennstoffen (hauptsächlich Erdöl) verbraucht werden. Wir pumpen Öl in das System um am Ende Nahrungsmittel zu erhalten. Dazu kommt noch dass die Produktion von Bio-Diesel zunehmen wird, die ja in direkter Konkurrenz mit der Anbaufläche für Nahrungsmittel steht.

Sobald für die Landwirtschaft kein billiges Öl in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht wird die Menge der produzierten Nahrungsmittel zurückgehen, auch wenn Gentechnik und neue Technologien einen Teil abfangen werden. Das Wachstum der Weltbevölkerung wurde erst durch die Grüne Revolution ermöglicht, nun droht sie große Teile der Welt an den Rand des Abgrunds zu bringen. Schon jetzt erreichen Grundnahrungsmittel immer wieder Preise die für die Ärmsten der Welt schlicht mehr bezahlbar sind.

Wer mehr zu diesem Thema wissen will sollte den Artikel Eating Fossil Fuel von Allen Pfeiffer durchlesen (Englisch).

Die Welt wird wieder kleiner

Das günstige Öl hat auch einen kostengünstigen Transport von Waren rund um den Globus ermöglicht und somit die Globalisierung befeuert5 6. Den globalen Wettbewerb kann man nun positiv oder negativ beurteilen, Fakt ist, dass ich nicht glaube dass meine Enkel noch Äpfel aus Neuseeland essen werden. Die steigenden Transportkosten werden die lokale Produktion wieder konkurrenzfähig machen und somit zu einer De-Globalisierung bei vielen Alltagsgütern führen.

Konfliktpotential

Ein weiteres Risiko sind die verstärkten Verteilungskämpfe um die Ölreserven. Statt sich damit abzufinden, dass es sich um eine endliche Ressource handelt gibt es heute bereits Kriege ums Öl die millionenfaches Leid verursachen. Zudem begeben wir uns in immer stärkere Abhängigkeit gegenüber den produzierenden Staaten – und die sind schon heute nicht für ihre feinfühlige Diplomatie bekannt.

Was danach kommt

Sobald das Öl nicht mehr jeden Bereich unseres Lebens mit lächerlich günstiger Energie versorgen wird müssen wir uns auf einen geringeren Lebensstandard einstellen und vom Glauben ans ständige Wachstum entgültig verabschieden. Es ist, als wenn wir gerade mit Vollgas fahren und sich unser Tank bedenklich schnell leert. Statt etwas langsamer zu fahren um weiter zu kommen versuchen wir das Tempo so lange wie möglich zu halten. Ich glaube dass es noch möglich ist den Übergang zu einer Nach-Öl-Gesellschaft halbwegs geordnet zu bewerkstelligen, wenn der Wille dazu vorhanden wäre. Die Alternative dazu ist eine beispiellose Tragödie von ebenso globalen wie katastrophalen Ausmaßen.

The questions we must ask ourselves now are, how can we allow this to happen, and what can we do to prevent it? Does our present lifestyle mean so much to us that we would subject ourselves and our children to this fast approaching tragedy simply for a few more years of conspicuous consumption? – Allen Pfeiffer

Sicherlich wird es auch neue Technologien geben die uns den Übergang erleichtern und uns den Rückfall ins vorindustrielle Zeitalter ersparen. Aber Öl ist einfach zu reichlich vorhanden, zu billig zu fördern und zu einfach zu transportieren als dass es einen angemessenen Ersatz geben könnte. Wir werden unseren Hunger nach Energie drastisch einschränken müssen und können nicht mehr so obszön verschwenderisch damit umgehen. Vor allem müssen wir auch für die Menschen unsere neuen Technologien bereit stellen, die nicht das Glück hatten für Jahrzehnte im günstigen Öl zu schwimmen – sprich die Entwicklungs- und Schwellenländer. Diese werden auch unverschuldet die Hauptlast des Klimawandels tragen müssen und ebenfalls massiv unter den Veränderungen leiden.

In 100 Jahren wird man zurück blicken auf ein Zeitalter des Wohlstands (zumindest in den Industrienationen), der mit Öl erkauft wurde und bereits von Anfang an zeitlich eng begrenzt war. Ob in den Geschichtsbüchern steht dass wir souverän in den nächsten Abschnitt der Geschichte begonnen sind oder den Umbruch nicht wahrhaben wollten und die Öl-Party bis zur buchstäblich letzten Minute am laufen gehalten haben hängt von uns ab.

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Fabian Prinz-Arnold aka Kater

Passionierter Webdesigner und Autodidakt. In seiner Freizeit ist er Spieleentwickler, frischgebackener Stadt-Pirat, Sportfreund, Leser, nachrichtenabhängig, Serien-Junkie, PC-Spieler und Liebhaber obszön scharfer Speisen.

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2 Responses to „Die Welt ohne Erdöl“

    Es freut mich sehr, dass Peak Oil nun langsam in den Blogs thematisiert wird, auch wenn es ein schwer verdaulicher Brocken ist. 90 Kalorien fossile Energie für 1 Nahrungskalorie ist meines Wissens etwas hoch gegriffen und auch „Düngemittel“ ist nicht ganz korrekt: Die werden meines Wissens aus Erdgas hergestellt. Aber gut: Peak Gas ist ja auch nur eine Frage der Zeit. Pflanzenschutzmittel dagegen: Ein Öl-Produkt. Für mich stellt Peak Oil die Grundsatzfrage: Können wir so weitermachen wie bisher?

    am 5. September 2012, 16:12 | Antworten

      Hallo, schön so schnell Rückmeldung zu erhalten :)

      Die 90 Kalorien hab ich aus dem oben genannten Artikel von Alle Pfeiffer entnommen und auch in der Dokumentation „Food Inc.“ wird die Größenordnung genannt. Dass für Dünger hauptsächlich Erdgas verbrannt wird ist möglich, was genaueres als „große Mengen Energie“ konnte ich leider nicht finden.

      am 6. September 2012, 17:59 | Antworten